Begonnen hat die ganze Geschichte im Frühling, als Roli und ich von der früher als bisher geplanten 2. Durchführung der rbjs vernahmen. Nachdem wir die 1. Austragung verpassten, wollten wir aber bei der zweiten unbedingt dabei sein. So ging es dann Anfangs Mai an die Planung dieser sehr abwechslungsreichen, und deshalb auch logistisch äusserst anspruchsvollen Stafette.
Die personelle Besetzung der 12 Teilstücke bereitete uns keine all zu grosse Mühe. Mehr Schwierigkeiten hatten wir dann bei der Beschaffung der Oldtimer-Fahrzeuge. Dank Beziehungen und Engagement konnten wir dann Ende August den Fahrzeugpark als komplett und einsatzbereit auf unserer to do - Liste abhaken.
Es ist immer wieder eindrücklich, was alles entstehen kann, wenn man von einer Sache überzeugt ist. So entstand im Vorfeld eine unglaublich positive Dynamik, wie z.B. das selbständige Trainieren auf den Original-Abschnitten, die ja vornehmlich im Wallis lagen, die Organisation der Unterkünfte vor der Stafette, das Zusammentragen der verschiedenen Ausrüstungsgegenstände usw.
Und dann kam plötzlich eine Woche vor dem Start die frohe Kunde, dass Martin Fäs von der Klimavent ag in Baden unser Hauptsponsor werden möchte und wir nun unter neuem Namen an den Start gehen durften: „tuerli.ch powered by Klimavent.ch“. Die kurzfristig von Martin erstellten Team-Shirts waren dann an der Schlussparty ein visuelles Glanzlicht. Anfragen anderer Teams nach einem solchen Shirt blieben nicht aus…
| Von RJS |
Nun aber wieder zurück zum Morgen des 4.10.08
Nach gut sechs Stunden Tiefschlaf geht mein Wecker um 4.00 Uhr runter. Mit gemischten Gefühlen stehe ich nun auf dem Balkon und stelle fest: 2 Grad Celsius, trocken. Dies bedeutet für meinen Plan, dass ich um 05.15 direkt mit dem Velo zum Schloss Laufen an den Start beim Rheinfall pedalieren werde.
Jetzt wärme ich meine am Vorabend schon vorbereiteten Spaghetti auf und esse diese eher widerwillig. Mich beschleicht das immer gleiche Gefühl vor wichtigen Wettkämpfen: Es ist so eine Mischung aus Übelkeit und permanentem Druck in der Magen- und Darmgegend, Freude, Angst und das Tönen der inneren Stimme, die immer wieder fragt: „Warum hast Du Dir das eingebrockt?“
Nach überstandener Psychokrise schwinge ich mich pünktlich bei totaler Dunkelheit auf meinen Drahtesel, den Weg schwach erkennend dank meiner kurzfristig noch montierten Halogenlampe (Danke Hans für die Hilfe). Es ist ein unbehagliches Gefühl, so alleine über die Strassen und durch Wälder zu fahren, im Wissen, dass ich zeitig am Rheinfall ankommen muss, ansonsten ich auf einen Chlapf mind. 12 Todfeinde hätte. Während ich den Hüniker hinunter rase, überkommt mich plötzlich die Angst, dass ein die Strasse überquerendes Reh für mich die totale Katastrophe wäre. Ich beginne mich nun mit lauten Selbstgesprächen von diesen schlechten Gedanken abzulenken. Der einsetzende Regen beruhigt mich auch nicht gerade, doch ich komme pünktlich in Dachsen an, wo mich schon Andi und Carina, meine extra angereisten persönlichen Begleiter, erwarten. Sie haben trockene Kleider, ein Ersatzvelo und zwei Ersatzräder dabei und werden hinter mir her nach Lindau fahren. Leider bin ich alles andere als ein begnadeter Schlauchauswechsler und deshalb zu 100 % auf diese hilfsbereiten Materialtransporteure angewiesen.
Und jetzt ist es total um mich geschehen, die Nervosität scheint nicht mehr überbietbar zu sein, als ich meine Konkurrenten sehe. Alle schauen sie böse drein und scheinen Lungenflügel und Waden zu haben, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe! Kann man bei denen überhaupt ein Hinderrad halten? Die Profis und Promis fahren sich auf der Rolle in einem geheizten Zelt neben dem Startgelände ein. Noch 15 min., ICH HALTE ES NICHT MEHR AUS!! Ein Angstbisi muss noch sein und dann aber schnell hinunter an den Rheinfall aufs Känzeli.
Fast wäre passiert, was unter keinen Umständen passieren darf. Ich vergesse den Malstab abzuholen, was eine Zeitstrafe von 75 min zur Folge gehabt hätte. In letzter Sekunde, warum weiss ich nicht mehr, fällt mir dies noch ein.
Auf dem sehr engen Känzeli zischt einem die Gischt des Rheinfalls ins Gesicht und alle warten mit unglaublicher Anspannung auf den Kanonenschuss.
Päng!!
Innert Kürze mutiere ich zum wilden Tier. Die Treppe mit ihren 205 Stufen hinauf zum Schloss ist so eng und glitschig, dass ich mir nur mit starkem Ellbogen-Einsatz Platz verschaffen kann. Es läuft immer besser und bald habe ich zu den Vorderen aufgeschlossen. Die Laufschuhe werfe ich mit grossem Schwung neben mein Velo und wechsle in die Veloschuhe. In diesem Moment wirft mir mein Nachbar ( Nummer 24), der anscheinend ebenfalls in die Wildsau-Abteilung gewechselt hat, mein Rad über meinen Kopf. Jänu, denke ich, dies ist vielleicht die Retourkutsche gegenüber meinem Auftreten beim Treppensteigen….
Ich traue meinen Augen nicht, kurz vor mir ist die Gruppe mit den Profis und ich bin dabei, diese einzuholen. Mit horrendem Tempo versuchen es auch andere und es gelingt uns, auf die Gruppe aufzufahren. Mein Herz schlägt irgendwo im Bereich 190 und meine Beine kommen der Pulsfrequenz kaum nach. Ausgangs Dachsen ist es dann um mich geschehen. Eine kleine Rampe bereitet meiner Freude ein abruptes Ende. Ich habe keine Chance mehr, ein Hinterrad zu halten. Wie ein Brätzelibueb werde ich plötzlich von diesen Fahrern stehen gelassen.
Der Wind bläst heftig, und zwar wie immer in solchen Situationen, aus der falschen Richtung. Alleine kämpfe ich dagegen an, bis kurz vor Flaach. Dort schliessen sechs Fahrer zu mir auf. Endlich kann ich ein wenig Windschattenfahren und mich erholen. Leider funktioniert die Gruppe überhaupt nicht und ich bin doch meistens der Vorderste! Kurz vor Berg am Irchel gibt es eine weitere Zäsur in unserer Gruppe. Ich kann das Tempo zweier Konkurrenten nicht halten, drei können meines nicht halten und mit dem letzten meiner Gspändli versuche ich nun, die Aufholjagd um den Irchel zu organisieren. Es kommt, wie es kommen muss: Mein vermeintlicher Kumpan hat keine Reserven mehr und begnügt sich damit, mein Hinterrad bis Pfungen nicht mehr aus den Augen zu lassen…
Strafe muss sein: Auf der Bergstrecke Richtung Sunnebuel trete ich mit aller Macht in die Pedalen und kann den „unliebsamen Mann auf dem Päckträger“ endlich deponieren. Da der Aufstieg lang ist, versuche ich aber trotzdem, die Kräfte sinnvoll einzuteilen. Denn so frisch wie auch schon bin ich nicht mehr, das lange Alleinfahren hat sehr viel Substanz gekostet. Mit Hängen und Würgen und der anfeuernden Super-Unterstützung von den beiden Zuschauern Mäse und Vik überstehe ich den Berg besser als befürchtet. -- Nun kommt MEIN Teil dieser Strecke. Ich schalte in den höchsten Gang und lehne mich über den Lenker, wie ich es so extrem noch nie gemacht habe. „Vollgas, Vollgas, jede Sekunde zählt“ rede ich mir ständig ein. Noch 2 km, noch 1 km, da sehe ich auch schon das Ziel und meinen Staffelkollegen Pädi vor mir. Jetzt nur nicht den Stab fallen lassen. Mein Nachfolger übernimmt ihn perfekt und düst ab, wie es sich für einen Jet gehört, der als Ziel den Flugplatz Dübendorf hat.
Kurz nach der Ankunft in Lindau, ein wenig enttäuscht über den Rennverlauf, beginne ich immer mehr zu frieren. Schnell ins Auto und umziehen. Doch alles nützt nichts, ich bekomme einen Schüttelfrost, wie ich es noch nie erlebt habe. Mein Körper macht was er will, ich verliere sogar für einen Moment die Kontrolle über meine Hand, die eigentlich eine Tasse Tee hätte halten sollen. Keine Chance, will heissen Tee adé.
In der wärmenden Badewanne zu Hause besiege ich dann den Schüttelfrost und mit zunehmender Klärung der Sicht über das frühmorgendliche Rennen komme ich zum Schluss, dass ich mehr als das Mögliche gegeben habe. Damit kommt auch die Freude über das Geleistete zurück. Mit dieser für mich sehr wichtigen und beruhigenden Erkenntnis aus dieser Rückschau mache ich mich dann, wieder recht beschwingt, auf den Weg nach Dübendorf und warte dort gespannt auf meine Teamkollegen, die auch allesamt das Beste für sich und das Team gegeben haben.
Für mich ist das Ganze ein sensationelles Abenteuer, das ich so schnell nicht vergessen werde. Sportlich-herzlichen Dank an ALLE, die zum guten Gelingen beigetragen haben.
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